Dem Soja auf der Spur (3)

Soja ist gesund und Sojaprodukte liegen voll im Trend. Die westliche Welt hat einen unstillbaren Bedarf an Soja. Doch wie sieht es am Anfang der Soja-Kette aus? Eine Freundin von mir hat sich auf den Weg nach Südamerika gemacht um über die Situation vor Ort zu berichten.

Dem Soja auf der Spur (Teil 1)
Dem Soja auf der Spur (Teil 2)


Ich habe lange nichts von mir hören lassen, was daran lag, das ich viel unterwegs und kaum in Asuncion war. Inzwischen bin ich in zwei verschiedenen departamentos, so was wie Bundesländern, herum gereist, habe sehr viele beeindruckende Menschen getroffen, verschiedene Kleinbauernorganisationen und NGOs kennen gelernt, interessante Gespräche und Interviews geführt, bin auf super vielen Motorrädern herum gefahren worden, habe Camps von Landlosen besucht sowie eine indigene Gemeinde und eine katholische Missionsstation, die grüne Wüste der Sojafelder zur Genüge gesehen, mit einem deutschen Unternehmer einen ganzen Tag lang seine Aktivitäten studiert und häufig bei campesino-Familien übernachtet von denen ich quasi adoptiert wurde.

Zuerst war ich zwei Wochen in Alto Paraná, von wo aus ich das letzte Mal geschrieben hatte. Dort war ich z.B. lange mit Mitgliedern der Kleinbauernorganisation ASAGRAPA unterwegs, bin ich ziemlich viel rumgekommen und hatte oft die Gelegenheit mit den Bauern zu sprechen. Ihre Erfahrungen mit den Sojaunternehmern sind meist ähnlich: es wird ohne Rücksicht auf Verluste Chemie gesprüht was das Zeug hält, schützende Grünstreifen, die eigentlich vorgeschrieben sind, gibt es nicht und oft grenzen die Sojafelder direkt an ihre Grundstücke und die Pestizide verbrennen die Pflanzen auf ihren Äckern, töten die Hühner und Enten die frei herumlaufen und machen die Anwohner krank.

Anzeigen dagegen werden nicht bearbeitet oder versacken in korrupten Büros und die Bauern fühlen sich ohnmächtig der Übermacht der Sojalobby gegenüber. Viele geben auf und verkaufen ihr Land, was zur Folge hat, dass sich die Soja mitten in den Gemeinden ausbreitet und die Situation verschlimmert. Es ist auch ein gezieltes Mittel der Großgrundbesitzer, die Bauern zu entzweien, die längst nicht alle an einem Strang ziehen. Einige verpachten auch ihre Felder oder bauen selbst Soja an, aber im kleinen Maßstab lohnt sich das nicht und sie verschulden sich oft, was ebenfalls zur Folge hat dass das Land den Großen zufällt.

An anderen Stellen versuchen die Landlosen durch Landbesetzungen ihr – theoretisch von der Verfassung garantiertes – Recht auf Land durchzusetzen, um sich zu ernähren. 120.000 Familien haben offiziell kein Land, wobei andere Schätzungen von 300.000 ausgehen.
Solche Landbesetzungen werden meist sehr gewalttätig geräumt; es gab bereits Tote.

Ein besonders krasser Fall hat sich vor kurzem in Itakyry ereignet, wo ein Brasilianer behauptet, der Eigentümer von 2.600 Hektar Land zu sein und auch irgendwelche Papiere vorweisen kann, die er gekauft hat (keine Seltenheit, dass es für ein und das Selbe Stück Land mehrere Besitztitel gibt). Das Land ist aber von der Behörde die für den Schutz der indigenen Bevölkerung zuständig ist, als geschützte Fläche für fünf Indianergemeinden ausgewiesen. Der „neue“ Eigentümer kündigte vor ein paar Wochen die Räumung der Dörfer an, woraufhin die indígenas demonstrierten und sich entschlossen zeigten, ihr Land zu verteidigen. Am angekündigten Tag der Räumung fuhren 20 Autos mit Bewaffneten vor, die vom Brasilianer angeheuert wurden. Die indígenas wehrten sich mit Pfeil und Bogen, die Leute zogen ab und kurze Zeit später flog ein Flugzeug über die fünf Gemeinden und besprühte alles mit Pestiziden. Ein Ort war besonders stark betroffen, die EinwohnerInnen konnten sich nicht mehr in Sicherheit bringen und Mehrere wurden mit starken Vergiftungserscheinungen ins Krankenhaus eingeliefert. Es gab viele Proteste und eine Demonstration in Asunción, Anzeigen und eine staatliche Untersuchung, um die Chemikalien zu bestimmen. Aber wirkliche Sanktionen hat der Brasilianer nicht zu erwarten, bzw. kann er sich sicher sein, sich frei kaufen zu können.

Solche krassen Fälle von Menschenrechtsverletzungen gibt es leider immer wieder und kaum etwas, was die Kleinbauern dagegen unternehmen können. Immer wieder wurde mir erzählt, wie brutal die großen Landbesitzer (in den meisten Fällen Brasilianer) vorgehen, bewaffnete Sicherheitskräfte anheuern die auf alles schießen was ihr Land betritt, die Gemeinden einschüchtern und Menschen bedrohen, die sich wehren. „Für sie sind wir Kakerlaken“ beschrieb jemand die Rücksichtslosigkeit mit der die Soyeros ihr Gebiet erweitern und Widerstand begegnen, um jeden Quadratzentimeter mit Soja bepflanzen zu lassen.

Immer wieder erfahre ich, wie sehr sich die Bauern von der Regierung im Stich gelassen fühlen und gegen eine Übermacht ankämpfen, die alles manipuliert. Manche sind sehr verbittert. „Aber wenn wir aufgeben und unser Land verlassen, was bleibt uns dann noch?“ fragte der Vorsitzende einer Nachbarschaftsvereinigung auf dessen Schwiegervater nachts in seinem Bett fünf Mal geschossen wurde und der es wie durch ein Wunder überlebte. Er zeigte mir die verkümmerten Manjokpflanzen die direkt neben einem Sojafeld wachsen und bei dessen letzten Besprühung vor ein paar Tagen vom Gift verbrannt wurden. „Wir fragen uns, ob wir das überhaupt noch essen können“.

Die stärkehaltige Manjokwurzel ist das Hauptnahrungsmittel der Landbevölkerung. Es gibt sie gekocht morgens, mittags und abends zu jedem Essen dazu wie Brot. Außerdem werden viel Mais, Bohnen, Paprika und Erdnüsse für den Eigenbedarf angebaut. Von einer zwei Hektar großen Ackerfläche kann sich eine vierköpfige Familie ernähren. Wenn sie auch noch ein paar Kühe oder Schweine haben, verfügen sie auch noch über eine kleine Geldanlage, um sich ein Motorrad anzuschaffen oder im Falle einer Krankheit die Behandlungskosten aufbringen zu können. Viele bauen Sesam oder Tartago, eine Pflanze deren Samen zur Herstellung von Bio-Sprit aufgekauft wird, an um ein wenig für Öl, Seife und Kleidung zu verdienen. Die Landbevölkerung ist zwar sehr arm, aber sie (die die Land haben) können sich immerhin selbst ernähren.

Dieses traditionelle Modell der Subsistenzwirtschaft ist durch die Agrarindustrie bedroht. Diese verspricht mit moderner Technik, Monokulturen auf großen Flächen und manipuliertem Saatgut hohe Erträge, entsprechende Gewinne und ganz nebenbei auch noch, den Hunger in der Welt zu bekämpfen. Doch davon profitieren nur Wenige; allen voran die transnationalen Firmen und Großgrundbesitzer. Nebenwirkungen sind: Verdichtung und Auslaugung des Bodens, Errosion, Vergiftung der Gewässer, fortschreitende Abholzung, Arbeit für einige wenige, Verdrängung der Subsistenzwirtschaft, landflucht und wachsende Armut in den Städten, Verschärfung von Landkonflikten.
Während das Agrobusiness mit gezielten Medienkampagnen versucht, das Kleinbauernmodell als rückständig und ertraglos, die campesinos als dumm und faul darzustellen, fordern gerade diese Bauern und Bäuerinnen ihr Recht auf Selbstbestimmung, Land und Ernährungssicherheit (soberanía alimentaria).

Besonders eindrucksvoll ist dieser Kampf im Distrikt San Pedro, von wo ich vor ein paar Tagen zurück gekommen bin. San Pedro ist der größte und ärmste Distrikt Paraguays mit besonders viel Zuwanderung aus anderen Gebieten, wo die Kleinbauern verdrängt werden. 80% der Bevölkerung lebt in ziemlich armen Verhältnissen auf dem Land.

Dort war ich insgesamt zwei Wochen und habe dabei in drei verschiedenen Provinzen etliche gut vernetzte Organisationen und deren Arbeit kennen gelernt. Im Gegensatz zu Alto Parana hat sich die Soja hier noch nicht so extrem ausgebreitet, was auch auf die Sensibilisierung und den Widerstand der lokalen Bevölkerung zurück zu führen ist. Es gibt häufig Anzeigen und Demonstrationen gegen die Besprühungen, die vielen tausend Landlosen werden in ihren Camps von breiten Teilen der Bevölkerung unterstützt und die dirigentes (gewählte VertreterInnen die verschiedene ehrenamtliche Aufgaben übernehmen) der vielen Gruppen und Netzwerke schaffen es innerhalb kürzester Zeit einige tausend Menschen auf die Beine zu bringen, um z.B. mit Straßenblockaden gegen zu niedrige Sesam-Preise, geplante Privatisierungsgesetze oder – ganz aktuell – gegen die Kürzung des Sozialhaushalts für das kommende Jahr zu protestieren.

Im Gegensatz zu anderen Distrikten sind sogar Frauen auf den häufigen Versammlungen anwesend, die auch das Wort ergreifen. Aber es wird noch lange dauern, bis der allgegenwärtige Machismo etwas zurück gedrängt ist. In den Organisationen wird zwar inzwischen auch von Frauenrechten gesprochen, aber es sind weiterhin die Frauen, die sie einfordern müssen und denen nach wie vor weniger zugetraut wird als Männern.

Wenn ich irgendwo ankam und die dirigentes anfingen, Termine für mich zu organisieren und ein Programm aufzustellen, kamen darin meist auch nur Männer als Auskunft gebende vor. Oft gab es auch die Situation, dass ich die anwesenden Frauen etwas fragte und der Ehemann antwortete oder die Frau selbst auf ihre Männer verwiesen, die besser wüssten wie viel Land und Tiere sie haben. Dabei ackern die Frauen genauso und kochen, waschen und versorgen nebenbei die Kinder. Viele Familien haben 8, 12 oder mehr Kinder und es wird als selbstverständliches Recht des Ehemannes angesehen, dass ihnen die Frauen immer zur Verfügung stehen. Manche sind ihr ganzes Leben lang schwanger und würden sich nie trauen das in Frage zu stellen.

Umso erfreuter war ich, dass ich in der Provinz Cappiibary von San Pedro mehrere taffe Frauen kennen lernen konnte. Bei einer sehr aktiven, dynamischen und sympathischen dirigenta der OLT (organisación lucha por la tierra – Organisation Kampf um Land) und ihrer Familie konnte ich sogar eine Woche lang wohnen. E. ist 36 Jahre alt, hat vier schon große Söhne und eine sehr spannende aber auch schmerzhafte persönliche Geschichte. Sie ist einer der Menschen die nicht einfach die Hände in der Schoß legen können, wenn es so viel Ungerechtigkeit gibt. Gegen den anfänglichen Widerstand ihres Mannes hat sie als Zwanzigjährige angefangen, auf Treffen zu gehen und sich weiter zu bilden. Heute ist sie kaum zuhause, koordiniert viele Aktivitäten, geht von morgens bis abends auf verschiedene Versammlungen, leitet Workshops und spricht im eigenen Radio der OLT, um die Menschen über ihre Rechte aufzuklären und sie zu sensibilisieren und scheint nicht müde zu werden.
Ihre ganze Familie hat sich dem Kampf für ein gerechteres Land und ein besseres Leben für alle verschrieben und während der letzten Mobilisierung konnte ich die aktiven drei Generationen auf einmal sehen, was mich total beeindruckt hat.

Denn es ist nicht so, dass die Repression der sozialen Bewegungen mit dem Ende der 61jährigen Herrschaft der rechten Colorado-Partei aufgehört hätte. Im Gegenteil hat sie im letzten Jahr zugenommen. Mit zahllosen Anklagen gegen die dirigentes, z.B. wegen Unruhestiftung und Gefährdung des inneren Friedens, versuchen die Behörden, die Bewegungen zu schwächen. Wenn jemand angeklagt ist (imputado) gibt es ein zweijähriges Verfahren, innerhalb dessen die Leute an keinen Versammlungen und Aktionen teilnehmen dürfen, sich einmal im Monat melden müssen und das Land nicht verlassen dürfen. Nach zwei Jahren entscheidet dann ein Gericht und oft wird das Verfahren eingestellt, es gibt aber auch Gefängnisstrafen oder mehrjährigen Hausarrest.

Die Presse tut ihr Übriges, um die Bewegung zu kriminalisieren und gezielt falsche Informationen zu verbreiten, wie mir immer wieder bestätigt wurde. Proteste werden entweder tot geschwiegen oder die Gruppen in Verbindung mit Terrorismus gebracht. Es scheint, als ob den korrupten Seilschaften in Parlament, Behörden, Gerichten und Wirtschaft die Muffe geht angesichts der aktuellen Kraft der sozialen Bewegungen und sie deshalb besonders heftig um sich schlagen.


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