Dem Soja auf der Spur (2)

Soja ist gesund und Sojaprodukte liegen voll im Trend. Die westliche Welt hat einen unstillbaren Bedarf an Soja. Doch wie sieht es am Anfang der Soja-Kette aus? Eine Freundin von mir hat sich auf den Weg nach Südamerika gemacht um über die Situation vor Ort zu berichten.

Dem Soja auf der Spur (Teil 1)


Vor einer guten Woche bin ich mit dem Bus in der Hauptstadt Asuncion angekommen und seitdem bereits eifrig am Arbeiten im Osten des Landes an der Grenze zu Brasilien. R., eine Deutsche die seit 10 Jahren in Asuncion lebt und ebenfalls viel zum Thema Soja gearbeitet hat und mir super viele Kontakte vermittelt, hatte mir dort ein Hotel im Zentrum reserviert, zu dem ich dank Taxi auch völlig problemlos fand.

Mein erster Eindruck von Land und Leuten war ein sehr entspannter. Es gibt – von den Nachbarn einmal abgesehen – kaum Reisende hier (übrigens auch keinen Reiseführer) und vielleicht hat sich auch deshalb kein Markt rundherum entwickelt, von dem viele versuchen zu leben. Niemand sprach mich im Busbahnhof an, keine Taxifahrer stürmten auf mich ein und auf dem Kunstmarkt im Zentrum konnte ich völlig ungezwungen bummeln.

Das Hotel empfing mich mit drei Sternen, was gemäß meiner Schlafsaal-Genügsamkeit eigentlich drei zuviel sind. Aber Mensch muss sich auch mal was gönnen, zumal 20 Euro pro Nacht inklusive Frühstück – eigentlich – nicht wirklich viel ist, und die Dusche und Ruhe anschließend habe ich sehr genossen. Abends bin ich dann zu R. Wohnung gestiefelt und konnte mir einen ersten Eindruck vom historischen Zentrum machen: schöne alte Kolonialbauten, und Wohnhäuser, Hochhäuser, ein paar Parkanlagen und auch viel Grün in den Straßen, Geschäfte mit Top-Marken, viele deutsch klingende Namen auf Werbetafeln und ein fast völlig ausgestorbener Ort am Wochenende.

Mit meiner „Kontaktfrau“ habe ich mich gleich gut verstanden und festgequatscht. Zur Feier meiner Ankunft ging es in ein Lokal mit regionalen Spezialitäten an einem der zentralen Plätze und zu dieser späten Stunden waren nun viel Paare und Familien unterwegs, die ebenfalls ausgingen. Wir landeten am Tisch eines paraguayischen Fußballmanagers der aus einer traditionellen, reichen Familie stammt und somit die kleine aber reiche und sehr einflussreiche Oberschicht des Landes repräsentiert. Er habe nichts mit Politik zu tun, sondern sei Unternehmer, sagte er, doch ein Blick in die Geschichte zeigt, dass eben diese Oberschicht seit Jahrzehnten – sowohl während der Militärdiktatur Stroessners die 1989 zu ende ging, als auch in der bis vor einem Jahr andauernden Herrschaft der konservativen Colorado-Partei – fest im Macht- und Korruptionsfilz des Landes verankert ist und gar nicht unpolitisch sein kann wenn nach wie vor Posten und Geschäfte zugeschachert werden und Einfluss auf alle wesentlichen Prozesse und Entscheidungen in Paraguay genommen wird. Zumal der sympathische Mann auch hin und wieder erwähnte mit welchen politischen Größen seine Familie zu tun hatte und mit wem er alles so ganz nebenbei Umgang pflegt. Sehr interessant war auch, dass er se lbst Land besitzt auf dem Soja und Mais angebaut werden; unter anderem im Grenzgebiet zu Brasilien (da bin ich übrigens gerade) wo eine Mafia den Schmuggel kontrolliert und die Korruption besonders blüht. R. schlackerte jedenfalls nur mit den Ohren, da sie die ganzen Zusammenhänge sehr gut kennt. Wir sind sehr gespannt, ob er sein Versprechen hält, uns Karten zum nächsten Lokal-Derby zukommen zu lassen. Auf VIP lege ich dabei gar keinen Wert aber solche Leute kleckern nicht sondern klotzen. Die Fischsuppe dabei war übrigens ausgezeichnet! Dazu gab’s gekochte Yam-Wurzel, regionales Bier und zum Nachtisch Papaya-Kompott (die Frucht wird grün mit sehr viel Zucker gekocht und nennt sich dulce de mamon).

Am Montag fand mein Umzug zu R. statt und Dienstag hatte ich dann gleich die ersten Treffen bzw. Interwievs mit Experten zum Thema Soja. Eine Anwältin berichtete vom jahrelangen Kampf darum Gesetze auszuarbeiten und durchzubringen die den Kleinbauern und Landlosen Land sichern und den massiven Einsatz der überaus gesundheitsschädlichen Ackergifte eindämmen oder überhaupt erst einmal offizielle Untersuchungen von deren Auswirkungen auf die nebenan lebenden Menschen festlegen sollen. Aber sie werden immer wieder gekippt weil die Landwirtschaftslobby, die Unternehmer, Pharmakonzerne und Großgrundbesitzer ihren Einfluss geltend machen.

Zwar regiert seit über einem Jahr Lugo, ein Demokrat und ehemaliger Bischof der von den Kleinbauern und Armen gewählt wurde weil er Landreformen und Umverteilung versprach, aber er hat nur einen Senator auf seiner Seite, Justiz und sämtliche Ministerien sind mit den alten Seilschaften besetzt die gegen ihn arbeiten, unterstützt von der Presse. Dazu kommt, dass er kein Politiker ist, wenig Durchsetzungsvermögen hat, unentschlossen ist und keine klare Position bezieht. Diejenigen die ihn gewählt haben sind enttäuscht und die sozialen Bewegungen erleben derzeit sogar eine besonders starke Repression und werden kriminalisiert.

Darüber sprach ich mit einem Soziologen der versuchte, mir die nationalen Strukturen der einzelnen Organisationen und linken Parteien zu erklären. Wichtig ist dabei, dass nicht an einem Strang gezogen wird sondern viele verschiedene Meinungen existieren und diskutiert werden. Ich lerne gerade einige davon kennen und erfahre ganz praktisch was im Land vor sich geht. Denn noch am selben Abend fuhr ich mit Tomas Zayas, einem sehr bekannten Aktivisten der Kleinbauern der seit Jahren mit Morddrohungen lebt, in die Provinz Alto Parana und übernachtete in seinem Haus. Ein besonnener, intelligenter und freundlicher Mann der für die Kleinen kämpft und das Lachen trotz der vielen Hindernisse und Fallen die ihm gestellt werden nicht verlernt hat.

Am nächsten Morgen wurde ich von einem Genossen der Organisation ASAGRAPA abgeholt, der mich mitnahm zu einer Gemeinde von Kleinbauern inmitten tausender Hektar Soja-, Getreide- und Mais-Monokulturen. Dafür wurden seit den 70er Jahren riesige Flächen Urwald abgeholzt und große Flächen für die mechanische Bearbeitung geschaffen. Besonders problematisch ist der Anbau von Soja. Das Saatgut ist überwiegend gentechnisch manipuliert und wird fortwährend mit Pestiziden besprüht die alles lebendige abtöten. Die intensive Landwirtschaft, auf den – noch – fruchtbaren Böden werden dreimal im Jahr Monokulturen ausgesät und geerntet, bedroht die Biodiversität, vergiftet Böden und Flüsse und macht die Menschen die daneben leben krank, lässt ihr Vieh sterben und ihre Feldfrüchte verkümmern. Kinder werden mit Missbildungen geboren und immer wieder sterben Menschen an einer Überdosis der Chemikalien die in nächster Nähe versprüht werden; erst kürzlich 12 Indigenas. Organisationen wie ASAGRAPA machen solche Fälle öffentlich und schlagen Alarm. Manchmal kommt sogar ein hoher Politiker angereist, um vor laufenden Fernsehkameras festzustellen, dass die Leute an Unterernährung gestorben seien.

Die Besprühungen sind für die Sojabauern aber auch ein willkommenes Druckmittel die Kleinbauern zu vertreiben; viele geben auf und verkaufen ihr Land oder sie haben den Verspechungen der Saatgutfirmen geglaubt und selbst Soja angebaut, verschulden sich jedoch weil weniger geerntet wird als geglaubt und werden auf diese Weise ihr Land los. Jeder Zentimeter nutzbarer Fläche wird mit Soja bebaut und schützende Grüngürtel zu den benachbarten Gemeinden mögen zwar vorgeschrieben sein, bleiben aber reine Theorie.

Gestern und heute bin ich mit Mitgliedern von ASAGRAPA über Land gefahren und habe comunidades (Gemeinden) besucht, mit Männern und Frauen gesprochen, mir ihre Äcker inmitten der grünen Wüste zeigen lassen (ich weiß jetzt wie Manjokstauden aussehen, Erdnuss- und Melonenpflanzen, dass Patchouli eine stark duftende Pflanze ist und wie Seife gemacht wird), von den Kindern versucht, ein paar Worte Guarani zu lernen und vor den Holzhütten Mererete, kalten Mate, zusammen getrunken.

Das alles fernab der asphaltierten Landstraßen, inmitten von paradisisch anmutenden Gehöften die über Fahrwege aus roter Erde zu erreichen sind, die sich bei Regen in Schlammlawinen verwandeln, vorbei an unendlichen Monokulturen gerade sprießender Soja. Ein Blick über Land zeigt rundum Felder, nur ab und zu unterbrochen von grünen Wäldchen in den Senken die zu tief für die maschinelle Bearbeitung liegen und nicht gerodet wurden oder wo sich Gemeinden von Kleinbauern hartnäckig versuchen zu behaupten. Diese Orte muten teilweise wie kleine Oasen an; mit üppigen Gärten, Obstbäumen, frei laufenden Schweinen, Hühnern, Enten.

In einer comunidad werden Fische gezogen und ein Bachlauf plätscherte munter vor sich hin. Dort lebt ein Junge der eines Tages aufstand, sich das Gesicht wusch und blind wurde; der Regen wäscht zusätzlich die Chemikalien aus dem Boden. Auch die idyllische Beschaffenheit trügt. Die Situation in den Gemeinden ist extrem. Die Menschen haben wenig und leben unter schlechten Bedingungen. Gesundheitsversorgung und Schulen funktionieren rudimentär. Die meisten Familien leben von Subsistenzwirtschaft aber es gibt auch tausende Landlose. Immer wieder gibt es Landbesetzungen und die öffentliche Forderung nach Land, unterstützt z.B. von ASAGRAPA. Leider auch allzu oft die Erfahrung mit Gewalt von Polizei und Militär vertrieben zu werden, dabei gibt es Verletzte, Tote und überzogene Haftstrafen.

Von weitem sieht die Landschaft in Alto Parana aus wie eine typische landwirtschaftliche Gegend irgendwo in Mitteldeutschland – mit großen Ackerflächen die sich über sanfte Hügel erstrecken und grünen Flecken mittendrin. Wenn ich mir dann vorstelle, dass diese Flächen noch vor 30 Jahren komplett mit Urwald bedeckt waren, muss ich schlucken. Dass sich das Microklima dadurch verändert ist ein logischer Schluss, mal ganz abgesehen vom globalen Klima.

Das Geschäft mit Soja lohnt sich! Paraguay ist viertgrößter Sojaproduzent. Große transnationale Firmen exportieren in die ganze Welt, z.B. nach Europa wo das ökologische Gewissen mit Ökosprit beruhigt werden soll (Soja ist eine sogenannte Energiepflanze) und Milliarden Viecher mit gentechnisch veränderter Soja gefüttert werden. Von Brasilien schwappte die Sojawelle nach Paraguay und den Norden Argentiniens und sie frißt sich immer weiter ins Land. Gewinner sind einige Großgrundbesitzer, viele ausländische Sojabauern und die international agierenden Saatgut- und Agrochemiefirmen. Monsanto, Bayer, Cargill und Co lassen grüßen. Beim Fahren über Land wechseln sich ihre Niederlassungen und Silos ab, in denen tausende Tonnen Soja gesammelt werden und auf den Export warten – übrigens steuerfrei!

Ich bin natürlich sehr gespannt auf den Besuch eines Sojaunternehmens. Die Aktivisten bei denen ich seit Mittwoch bin (und jetzt zu nächtlicher Stunde gerade im „Vereinshaus“ in dem es Versammlungsräume, Schlafsäle, eine Bibliothek, Büro, Großküche und einen Laden für das ökologisch produzierte Obst, Gemüse und Fleisch der Mitglieder von ASAGRAPA gibt), sind sehr bemüht, mir viel zu zeigen, mir die „besten“ Interviewpartner vorzustellen und ihre Kontakte in der ganzen Provinz spielen zu lassen (denn sie sind über in ganz Alto Parana verteilt und in kleinen Untergruppen organisiert).

Und beim nächsten Mal kann ich Euch von der anderen Seite des Konfliktes berichten.


Dem Soja auf der Spur (Teil 1)
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