Dem Soja auf der Spur (1)

Soja ist gesund und Sojaprodukte liegen voll im Trend. Die westliche Welt hat einen unstillbaren Bedarf an Soja. Doch wie sieht es am Anfang der Soja-Kette aus? Eine Freundin von mir hat sich auf den Weg nach Südamerika gemacht um über die Situation vor Ort zu berichten.

Bevor also hier der 26C3-Wahnsinn losbricht, poste ich wie schon beim letzten Mal hier ihre Reiseberichte, die ich immer wieder am Bildschirm von Fernweh geplagt verschlinge.


Die Anreise war zwar lang aber das Ankommen in Argentinien ziemlich entspannt. Nachdem ich lange Schlange stehen musste an der migracion, habe ich Geld getauscht und dann meinen schweren Rucksack geschultert, um mir den Linienbus zu suchen, der ins Zentrum fährt. Nicht nur weil ich sparsam veranlagt bin sondern auch weil ich mich Buenos Aires langsam nähern wollte.

Zwei Stunden kurvte der Bus also durch Vororte immer links und rechts der Schnellstrasse. Die kleinen Häuschen mit Garten, hässlichen Betonkirchen und Viehweiden wurden nach und nach von größeren Wohngebiete, Werkstätten und Shoppingcentern abgelöst die an kompliziert miteinander verschlungenen Zu- und Auffahrten liegen die Massen an Autos, Bussen und LKWs fassen. In halsbrecherischem Tempo fuhren wir dann durch moderne Einkaufsstraßen, um uns langsam aber sicher dem Zentrum mit der älteren Bausubstanz zu nähern. Links und rechts der baumbestandenen Einbahnstraße die der Fahrer schließlich entlang raste, um alle paar hundert Meter abrupt an einer Haltestelle zu bremsen wo jemand das Handzeichen zum Zusteigen gab, ragten hohe Wohn-und Geschäftshäuser auf, die mich sehr an Paris oder auch Madrid erinnerten. Überhaupt wirkt Buenos Aires ziemlich europäisch, gerade im Zentrum mit seinen vielen Banken, Büros und tagsüber den tausenden Angestellten in Kostüm und Schlips.

„Wer bremst verliert“ galt dann auch als es immer enger wurde zwischen den repräsentativen Gebäuden mit ihrer Abgas-Patina und den schmalen Streifen Gehweg links und rechts auf dem man sich lieber ziemlich nah an der Wand bewegen sollte wenn die uralten, bunten Linienbusse durch die Straßen donnern. Irgendwann kamen wir an der Plaza de Mayo vorbei, dem zentralen Platz an dem Demonstrationen stattfinden und zahllose Politiker vom Balkon der casa rosada schon zum Volk gesprochen haben.

Ich wusste aus dem Reiseführer, dass ich nach dem rechts Abbiegen bald aussteigen musste und fand mich wenige Schritte von der sechsspurigen (mindestens) Allee plötzlich in einem Viertel mit bunten Kolonialhäusern, Kopfsteinpfalster, Cafes und Antiqiutätenläden wieder: San Telmo. Am zentralen Platz verkaufen täglich viele Leute ihren selbstgemachten Schmuck im Schatten der Bäume. Eine Tangoshow findet für die Touristen in den Cafes auf dem Platz statt und die Restaurants ringsum buhlen um Gäste zum Abendessen. Ich hatte mir kein bestimmtes Hostal rausgesucht weil ich mir sicher war eines auch so zu finden und fragte einen der Schmuckverkäufer, der mir dann auch gleich weiter helfen konnte. Im „Nomade“ bezog ich ein Doppelstockbett im 6er-Zimmer mit Küche, Aufenthaltsraum und süßem
argentinischen Frühstück inclusive für ca. 6 Euro die Nacht. Dort habe ich ein deutsches Pärchen getroffen die gerade mit dem Fahrrad durch die Welt tingeln und noch lange nicht planen, zurückzukehren.
Weihnachten wollen sie in Patagonien sein, was ich anfangs auch reizvoll fand, mittlerweile aber entschieden habe, mir die tausenden Kilometer zu sparen und im Norden Argentiniens oder in Uruguay zu bleiben. Weihnachten unter Palmen oder auf einer Farm schwebt mir vor…

Jedenfalls war Buenos Aires ziemlich nett und gegensätzlich. An einem Tag bin ich erst durch die Skyline des neuen Nobelviertels am ehemaligen Hafen gebummelt, dann durchs stressige Zentrum gehetzt und schließlich durch ruhige Mittelstandsviertel zum antiken Friedhof „Recoleta“ gebummelt. Habe hier einen Kaffee getrunken, dort bei einem netten Schuster meine Schuhe nähen lassen und mir dann prunkvolle Mausoleen aus vergangenen Zeiten angesehen. Mit der wunderbar schraddeligen U-Bahn, vorbei an bunt gefliesten Haltestellen, bin ich schließlich in den Süden in das Arbeiterviertel La Boca gefahren.

Der Reiseführer warnte davor, sich zu sehr abseits zu bewegen. Und ich kam natürlich pünktlich zur Dämmerung dort an, fuehlte mich aber sicher zwischen vielen, vor allem jungen Leuten, die alle zum riesigen Fussballstadion stömten. Es gab aber kein Spiel der lokalen Mannschaftla Boca sondern ein Konzert eines berühmten Sängers. Ich habe kurz überlegt, ob ich mich mit anstellen soll, bin dann aber weiter durch die Straßen gelaufen auf der Suche nach dem touristischem Zentrum dort. Das habe ich nicht gefunden, stattdessen „echte“ bunt bemalte Holzhäuser und Wellblechhütten für die la Boca einst berühmt war und die an einer Stelle eben nachempfunden und aufgepeppt wurden. In den „echten“ Häusern leben großen Familien unter ziemlich schlechten Bedingungen und ohne sich viel leisten zu können. Die Läden waren alle verstaubt und schraddelig und das Sortiment klein; kein Vergleich mit den Super-Shoppingcentern im Zentrum. Ein Blick in die Hinterhöfe zeigte verschachtelte, provisorisch wirkende Verschläge und Anbauten. Das Leben findet auf der Straße statt. Die Kids spielen zwischen den vielen streunenden Hunden, Jugendliche lungern herum, Frauen machen Besorgungen und ich mitten drin, hier Empanadas (gefüllte Teigtaschen) kaufend, dort ein Geschäft betretend.

Dass ich nicht von dort war schien man mir aber wohl sofort anzusehen, nicht weil ich die einzige Weiße gewesen wäre, denn die meisten Leute könnten auch in Europa leben. An einer Ecke an der ich gerade abbiegen wollte meinte ein junger Mann, der vorbei kam, nur: „dalang nicht!“ Und daran hielt ich mich auch schleunigst und blieb an der stark befahrenen Hauptstrasse mit vielen Fußgängern. Irgendwann stellte ich mich an einer Bushaltestelle an weil mir auch schon die Füße wehtaten vom vielen Laufen und einer der urigen Busse spuckte mich freundlicherweise direkt um die Ecke von meinem Hostal aus.

Da ich endlich mal eine echte argentinische Mate-Zeremonie (mit dem Metallstrohhalm aus der Kalebasse) erleben wollte, folgte ich der Einladung und besuchte den Schmuckverkäufer auf der zentralen Plaza, wo ich freudig begrüßt wurde. Ein anregendes Gespräch, heißen Mate zum Aufwärmen (denn die Temperaturen waren bisher eher herbstlich wie bei uns gewesen) und weiter ging’s später noch zu einem kleinen Theater um die Ecke, wo ich glücklicherweise noch einen kostenlosen Platz ergattern konnte. Gezeigt wurde ein starkes Stück über eine Realität aus der noch gar nicht so lange überwundenen Militärdiktatur: ein junger Mann entdeckt, dass er kein Findelkind war, wie ihm immer erzählt wurde, sondern das geraubte und zur Adoption frei gegebene Kind von Verfolgten der Diktatur die nie wieder auftauchten.

An meinem vorerst letzten Tag in Buenos Aires genoss ich die Sonne auf der Plaza – mit Mate und freundlichen Bekannten, die ich hoffe wieder zu sehen – stromerte noch ein wenig durch San Telmo und traf im Zentrum auf der Plaza de Mayo zufällig auf eine Kundgebung zum internationalen Tag der Ernährungssouveränität. Vertreterinnen und Vertreter von Kleinbauernorganisationen, Indigenen und politischen Gruppen aus dem ganzen Land forderten ihr Recht auf Nahrung und die Möglichkeit sie selbst zu produzieren und in Würde zu leben ein. Das Thema Soja, das mich ja überhaupt erst nach Paraguay verschlagen hat, sprang mich auch dort an. Ich traf auf Vertreter einer Organisation im Norden Argentiniens die ein Transparent gegen genmanipulierte Soja und die eingesetzten Ackergifte hielten. Der Kontakt ist gemacht und ich habe große Lust, dort meine Recherchen auszudehnen, denn der problematische Sojaanbau betrifft leider nicht nur Paraguay…

Wenig später bestieg ich den Doppelstockbus der mich über Nacht ins Nachbarland Paraguay bringen sollte; mit Liegesitz, einem schnarchenden Nachbarn, Rundum-Service durch einen freundlich-rundlichen Stewart der ein selbstgebautes Wägelchen mit schrecklichem Essen in Aluminiumschalen und alkoholischen Getränken durch den schwankenden Gang bugsierte und zum Schreien komischen Neunziger-Jahre-Musikvideos. Wusstet Ihr dass Roxette einen ihrer Hits auch in schlechtem Spanisch sangen?

Weiter geht’s im Herzen Südamerikas: in Paraguy!


Dem Soja auf der Spur (Teil 2)

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